Jede Menge Action rund um die Lehrfabrik
Dass nach den 22,5 Mio. Euro Fördergeld für den Bau der Lehrfabrik noch einmal 8 Mio. Euro vom Land NRW für das Boardinghouse genehmigt wurden, sagt schon viel: Die Institution dient nicht nur der puren Qualifizierung von Mitarbeitenden der Möbelindustrie, sondern auch der Anwerbung von Fachkräften. Auch wenn der Fachkräftemangel in der Möbelindustrie noch nicht das akute Problem ist – in den kommenden Jahren wird es wohl eins. Dies haben auch Bezirksregierung und die Verbände der Holz- und Möbelindustrie unter Leitung von Jan Kurth (auch Vorstand der Lehrfabrik) erkannt. Schon jetzt stehe die Branche im Wettbewerb mit den öffentlichen Arbeitgebern, die händeringend Personal für diverse Ämter und jetzt auch Bundeswehr suchen, wie Kamann feststellt. Deshalb hat sich die Lehrfabrik auch zur Aufgabe gemacht, zum Recruiting von Auszubildenden beizutragen. Das Boardinghouse könne hier quasi zur Schleuse für neue Fachkräfte, insbesondere Umschüler, aus anderen Regionen Deutschlands werden.
Um zu zeigen, wie attraktiv die Branche ist, wird außerdem zum zweiten Mal am 29. Oktober (17 bis 20 Uhr) die „Nacht der Ausbildung“ stattfinden, in der sich etwa 20 Unternehmen der Branche präsentieren. Darunter Hersteller wie Bauformat, Rotpunkt und Ballerina. „Die Qualität der Gespräche ist hoch, weil die Jugendlichen gemeinsam mit ihren Eltern kommen und sich gezielt informieren“, so Kamann.
Nach fast einem Jahr habe sich die Lehrfabrik bereits gut etabliert. „Vier Trainerstellen sind besetzt, und wir bieten inzwischen ein breites Spektrum an Schulungen für Auszubildende, Umschüler und Fachkräfte an,“ resümiert Markus Kamann. Aktuell nehmen rund 20 Teilnehmende pro Tag an den Kursen teil – bis Ende 2026 soll die Zahl auf 80 steigen. Das Angebot umfasst derzeit etwa 25 bis 30 verschiedene Kursthemen, die in den kommenden Monaten verdoppelt werden sollen. Dazu zählen technische Trainings in den Bereichen Holzmechanik, Mechatronik und industrielle Informatik ebenso wie Oberflächenseminare. Hier sind gerade Fingerprint und Glanz die Topthemen. Kurse zu vorausschauender Wartung oder auch Soft Skills wie Teamleitung und Kommunikation sowie Netzwerktreffen für den Austausch finden ebenso in der Lehrwerk statt. Sogar Seminare für kaufmännische Mitarbeiter, die in einem Workshop erleben können, wie eine Fabrik funktioniert, gehören zum Repertoire.
Der enge Praxisbezug zu modernster Technik hat Alleinstellung. So werden Trainings an High-End-Maschinen durchgeführt, die in den Betrieben oft nicht zu Schulungszwecken zur Verfügung stehen. Besonders gefragt ist auch der innovative Elektrokurs für Monteure, der Online- und Präsenzphasen kombiniert und in nur zwei Wochen zum E-Schein führt. „Das ist ein Kurs, den in dieser Form sonst niemand anbietet“, betont Kamann.
Wirtschaftlich muss die Lehrfabrik nach den baulichen Subventionen auf eigenen Füßen stehen. Als Genossenschaft organisiert, profitieren Mitgliedsbetriebe von günstigeren Kursgebühren und können aktiv an der Programmgestaltung mitwirken. Kooperationen bestehen unter anderem mit Berufskollegs und dem Deutschen Sägewerksverband. Die Verteilung der drei Hauptzielgruppen – Auszubildende, Mitarbeitende in der Weiterbildung sowie Umschüler – liegt derzeit bei 60 zu 20 zu 20 Prozent.
Im August 2026 soll das Werre-Quartier Boardinghouse direkt neben der Lehrfabrik bezugsfertig sein, um dann mit 31 möblierten Zimmern, Gemeinschaftsflächen wie Fitnessraum, Dachterrasse und Chill-Out-Lounge eine komfortable Unterkunft für auswärtige Kursteilnehmer zu bieten. Der Preis für fünf Übernachtungen inklusive Frühstück von Sonntag bis Freitag liegt bei etwa 250 bis 300 Euro. „Damit schaffen wir für die Unternehmen der Region einen echten Standortvorteil“, sagt Kamann und setzt nicht zuletzt auf die Personalerosion in der süddeutschen Kfz-Industrie. „Wer von weiter herkommt, kann hier wohnen, lernen und sich direkt in der Branche vernetzen.“
Die Lehrwerkstatt sorgt nicht nur für Topqualifiziung von Auszubildenden in der Möbelindustrie, sondern auch für das Recruiting von Fachkräften durch Weiterbildung und Umschulung. Den Radius erweitert nun das Boardinghouse für Interessenten aus allen Teilen Deutschlands. So sieht ein Apartment im Boardinghouse von innen aus (Foto: Fourmove Architekten).